Buchtip: Die Geschichte des Wassers

Buchtip: Die Geschichte des Wassers

Das Buch „Die Geschichte des Wassers“ ist nach der „Geschichte der Bienen“ ein weiterer Roman der norwegischen Schriftstellerin Maja Lunde, der sich einer der Teil-Problematiken des komplexen Themas „Klimawandel“ annimmt. Und er ist hochaktuell. Teilweise kamen mir beim Lesen beklemmende „déjà vue“ – Empfindungen. Erschreckend: Weniger zu den im Entstehungsjahr des Romans 2017 verorteten Episoden, sondern mehr zu den Zukunfts – Projektionen. Und diese spielen fiktiv im Jahr 2041! Aber dazu gleich.

Zwei Zeitebenen werden im Wechsel angeschnitten, die scheinbar wenig miteinander zu tun haben. Die erste Ebene spielt in der Gegenwart und erzählt von dem Erlebnissen einer gealterten Umweltaktivistin aus Norwegen. Deren früherer Freund aus Kindertagen hat sich auf die Gegenseite geschlagen und verdient prächtig bei der Verstromung von Wasserkraft und anderen fragwürdigen Geschäften. Die neueste Idee: Eis vom dahinsiechenden Gletscher des Heimatdorfs in die Golfstaaten verschiffen und dort als jahrtausendealtes Luxusgetränke – Kühlmittel verhökern. Signe, die ihr Leben mit dem letztlich wenig erfolgreichen Kampf gegen den Ausverkauf der Erd-Ressourcen verbracht hat, schwingt sich zu einer fatalistisch anmutenden Aktion auf und wirft die erste Charge Gletschereis ins Meer. Zwölf Kisten davon will sie mit ihrem kleinen Segelboot nach Frankreich bringen und ihrem Ex-Freund, der inzwischen dort lebt, vor die Tür kippen. Auf ihrer einsamen Reise schweifen ihre Gedanken immer wieder zurück in die Jugendjahre, so daß der Leser einige Eindrücke aus den persönlichen und auch lokalwirtschaftlichen Entwicklungen dieser Zeit erhält.

Auf der zweiten, der Zukunftsebene erscheinen David und Lu – Vater und junge Tochter. Die befinden sich in Frankreich, auf der Flucht aus dem verdorrten Süden. Zuvor lebten sie nahe dem Mittelmeer als Familie mit Frau und kleinem Brüderchen. Doch die Dürre wurde immer schrecklicher und die Menschen in dieser Region mußten vor verheerenden Bränden fliehen. Dabei wurden David und Lu von ihren Familienangehörigen getrennt. Diese Handlung ist ins Jahr 2041 gelegt, das sei hier nochmal betont. Denn mich erinnert das ganz stark an die Fluchtwelle beginnend 2015 und an die riesigen Brände in Australien 2019 – also nur zwei Jahre nach dem Erscheinen des Buches. Und Australien war nicht das einzige Land mit derartigen Bränden – auch Rußland ist immer wieder betroffen, Californien macht damit von sich reden und in Brasilien sieht es leider noch schlimmer aus.

David und Lu erreichen ein Flüchtlingslager – weiter im Norden von Frankreich. Aber auch hier ist es nur wenig besser. Es regnet nicht, alles vertrocknet, die kleinen Rationen einschließlich Wasser werden zugeteilt. Waschen geht nur limitiert einmal pro Woche und zu alledem kommt die Grundstimmung, daß niemand wirklich die Flüchtlinge haben will. Die meisten von ihnen würden lieber gern in die „Wasserländer im Norden“ weiterziehen – doch diese haben die Grenzen abgeriegelt und lassen niemanden mehr rein. So vegetieren die Flüchtlinge ohne Beschäftigung und Perspektive im Lager vor sich hin, es kommt zu Aggressionen …

Das sind alles keine neuen „Zukunfts – Vorhersagen“. Das gibt es alles schon heute. Bereits jetzt ziehen zunehmend mehr Flüchtlinge in verschiedenen Regionen der Welt umher. Wegen Kriegen (deren Ursachen leider oftmals auch Mangel an Wasser, Nahrung und anderen Resssourcen sind) oder direkt wegen verödenden Landstrichen, die ihre Bevölkerung nicht mehr ernähren können. Bereits jetzt gibt es Flüchtlings – Camps, Lager mit Gewalt und Perspektivlosigkeit. Und der Botschaft, daß diese Menschen niemand bei sich haben will. Nur scheint der „reiche Norden“ bisher noch wenig betroffen.

Wenn ich mir nur mal meinen eigenen Garten anschaue: Früher konnten wir relativ viel unserer eigenen Versorgung mit Obst und Gemüse daraus bestreiten. Inzwischen zerstören manchmal Schnecken – Invasionen die Ernten. Und in den letzten drei Jahren war es so trocken, daß fast alle Gemüsepflanzen im Juli nur noch als mickrige Stengel dahinkümmern. Der Boden ist metertief wasserloser Staub. Der Graben unterhalb des Gartens ein schlammiges Rinnsal, die Wasserentnahme regelmäßig ab Mitte Mai und bis Ende Oktober behördlich strikt untersagt. Wenn wir von diesem Garten leben müßten, wären wir in den letzten fünf Jahren verhungert. Das ist nicht Sahel, das ist Sachsen.

Die reichen Länder Mitteleuropas haben bisher noch das Glück, von überall auf der Welt Nahrung importieren zu können. Entsprechend geringschätzig kümmern wir uns hier um unsere eigene Versorgung. Doch wir können wohl kaum davon ausgehen, daß dieser Zustand ewig anhält.

Wie schnell sich so eine trügerische Sicherheit wandeln kann, erleben wir mit den Grenzschließungen wegen Corona. Wenn andere Länder zukünftig entscheiden, daß sie ihre knapper werdende Nahrung für die eigene Bevölkerung benötigen, sitzen wir hier ganz schnell mit Körnermais und Getreidebratling am Tisch. Jeden Tag.

… nun bin ich ein Stück vom Buch weggekommen. Aber genau da sehe ich auch die Stärke dieses Buches – Gedankenströme anstoßen, über größere Zeithorizonte nachdenken und darüber zu sprechen. Die kommenden Krisen – die sich leider abzeichnen und in Teilen der Welt bereits da sind – mal auf die Lebenssituation einzelner Menschen wie Du und ich, einer Familie und deren Freunde, herunterbrechen und klarzumachen, was das im Alltag bedeutet. Das Beispiel der Umweltaktivistin zeigt ein Stück weit die Situation der Umweltbewegung weltweit – wir haben ein einigermaßen taugliches Umwelt – Bewußtsein ausgebildet. Doch wirklich geändert hat sich wenig. Warum soll ich anfangen, wenn mein Nachbar bequem so weiterlebt?

Wir werden das 2041 noch erleben. Bis dahin sind nur noch 20 Jahre! Wird es so aussehen, wie Maja Lunde skizziert, mit überfüllten Elendscamps und abgeschotteten „Wasserländern“? Ich hoffe nicht. Doch das bedeutet, jetzt etwas zu ändern. Auch wenn es längst fünf nach zwölf ist.


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Maja Lunde, „Die Geschichte des Wassers* Verlag Aschehoug &Co. ist in Deutschland als Lizenzausgabe klimaneutral im btb- Verlag erschienen. Es ist erhältlich als gebundenes Buch, als Taschenbuch oder eBook und auch als Hörbuch.

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