Jagd auf den Tiger

Jagd auf den Tiger

Im Kanha Nationalpark (Indien)

Von Puna aus geht die Reise durch das zentrale Indien – zuerst mit dem Zug bis Nagpur. Den Platz auf einer Gangliege zu „erobern“, war gar nicht ganz einfach. Wir hatten nur „waiting-list“ – Fahrkarten, also ohne Platz – Reservierung. Das heißt, der Zug ist im Grunde überbucht und alle Plätze verkauft. Doch wenn der Schaffner erstmal zugestimmt hat, daß man sitzen bleiben kann, ist die Chance groß, noch richtige Plätze zu bekommen. Ansonsten gibt es u.U. nicht einmal das Geld zurück.

Die Fahrt dauerte ca. 17 Stunden. Das ist in Indien ziemlich normal, die Entfernungen sind unendlich viel größer als in Deutschland und dazu kommt, daß die Züge nun auch nicht gerade Expreß – Geschwindigkeiten erreichen.

Von Nagpur fährt ein Sleeper – Bus nach Jabalpur. Das bedeutet, die Inneneinrichtung besteht aus so einer Art Schnarch-Regal, Boxen, in die man sich samt Gepäck reinlegen kann. So übersteht man Nachtfahrten einigermaßen im Liegen. Hinsetzen ist auf Grund der geringen Höhe allerdings nicht möglich. Irgendwann fängt der Rücken an zu schmerzen.

Indien - Dorf
Die Landschaft ist grün und ursprünglich.

Doch immer noch sind wir nicht am Ziel – ein weiterer Bus fährt uns dann über Stunden und Straßen, die eher Feldwegen gleichen, bis in das Dorf Kathia. Dieses liegt am Rande des Kanha Nationalparks, unserem Ziel. Die Landschaft draußen wird schon immer schöner und abwechslungsreicher – viel mehr grün, ganze Wälder, dazwischen auch mal lehmige Gewässer. Und auch die Dörfer sehen recht „gesund“ aus – die Häuser sind in Ordnung, lächelnde Menschen in bunten Kleidern sind überall zu sehen.

Wir haben Glück – im Bus lernen wir Bafathi kennen. Er spricht uns an – wir sind ja als „Weißnasen“ auffällig und er fragt, wohin wir wollen. Er ist in Kathia zu Hause und kennt den Nationalpark bestens. Eine Art Reverenz-Buch zeigt Fotos von Ihm und vielen anderen Travellern, die er im Nationalpark gefahren und geführt hat, und viele sehr begeisterte Testimonials dazu.

Wir sagen zu, daß wir in Kontakt bleiben.

Als der Bus in Kathia ankommt, brauche ich erstmal eine Toilette nach der langen Fahrt. Einer der Männer führt mich zwischen den Häusern durch um die Ecke und zeigt auf zwei parallel nebeneinander liegenden Ziegelsteinen. Willkommen auf dem Lande.

Die Bushaltestelle befindet sich direkt an der „Kneipen-Meile“ von Kathia. Jedenfalls steht eine Reihe von Häusern hier mit offenen Fronten, davor immer einige Tische und Stühle, z.T. unter Sonnenschirmen, manchmal auch so etwas wie eine Pergola aus Bambus-Stangen. Hier kriegt man was zu essen und auch die Übernachtung ist schnell geklärt. Einige Schritte ins Dorf rein bekommen wir ein Zimmer mit Seiteneingang an der Stirnseite eines Lehmhauses. Bescheiden, aber für uns bestens in Ordnung. Und sauberer, als es manche der „Unterwegs- Hotels“ bisher waren. Wir stellen unser Gepäck ein und gehen wieder vor zu einem der Restaurants. Hier wird es richtig dunkel, im Februar natürlich auch noch sehr früh, d.h. ohne Taschenlampe hast Du kaum eine Chance, Dich zurückzufinden. Straßenbeleuchtung gibt es in den Dörfern keine und die Lampen der Restaurants beleuchten nur einen kleinen Platz an der „Hauptstraße“, nur der Mond steht klar und hell über dem Land.

Kanha - Nationalpark Ranger
die Ranger sind mit Elefanten unterwegs

Um in den Nationalpark zu kommen, mußt Du Dir einen Jeep organisieren samt Fahrer bzw. Dich anderen anschließen, die das schon getan haben. Dazu kommt dann ein Eintrittsgeld für den Park und das Honorar für einen Parkranger, der auf jedem der Jeeps mitfahren muß. Das summiert sich ganz schön, auch wenn ein Teil der Kosten auf alle Mitfahrer umgelegt werden kann. Aber wenn diese Gelder wirklich für den Schutz des Nationalparks eingesetzt werden, ist das in Ordnung. Bafathi ist so ein Jeep-Fahrer. Für den nächsten Tag können wir bei Ihm aufsteigen, zusammen mit einem britischen Pärchen und einem Franzosen, der allein unterwegs ist.

Die Nacht hier draußen auf dem Lande ist ungewohnt kalt, ganz anders als bis dahin gewohnt. Ich brauche den ganzen Schlafsack mit Einzug und freue mich, daß eine Decke auf dem Bett liegt.

Früh geht es schon gegen 6 los. Es ist noch stockfinster. Der Park öffnet ab 6:30 Uhr seine Schranken (das ist wörtlich zu nehmen) und dann ist es erlaubt, bis 12:00 Uhr mittags dort unterwegs zu sein. So bildet sich schon kurz nach 6 eine lange Schlange an Jeeps vor dem Eingang. Die Parkgebühren werden kassiert und die Ranger steigen zu. Unser Ranger scheint nicht ganz glücklich zu sein, mit Bafathi fahren zu müssen. Später zeigt sich so langsam, warum. Bafathi ist hier der eigentliche Führer. Er kennt sich bestens aus, sein Kopf fliegt hin und her, der Blick geht selten auf den Weg. Augen und Ohren suchen die Büsche und Bäume der Umgebung ab und fesseln seine ganze Aufmerksamkeit. Der offizielle Ranger scheint dagegen nur halb bei der Sache. Gegen so einen Freak wie Bafathi hat er keine Chance.

Kanha - Nationalpark
Landschaft im Kanha – Nationalpark

Auch jetzt ist es noch eisig kalt und im Westen steht der riesige Mond über der Landschaft. Im Osten dämmert rötlich der Morgen herauf. Zum ersten Mal in Indien bin ich froh, Bergschuhe, Pullover und Jacke mitzuhaben und selbst diese sind in der Morgenkühle nicht ganz ausreichend. In den braunen, drahtigen Wiesen stehen verschiedene Tiere in Herden beieinander. Reh- und Hirscharten wie Sambar-Hirsche, aber auch Gaur – Indiens größte Wildbüffel – grasen friedlich in der aufsteigenden Morgensonne und lassen sich durch die Jeeps der „Safari“ nicht stören.

Die beiden Briten sind richtig im Jagdfieber, auch Bafathi spät aufmerksam in alle Richtungen. Ich lasse mich gern davon anstecken.

Ein einzelner Elefant grast zwischen hohen Binsen. Nach längerer Fahrt hält Bafathi plötzlich und setzt ein Stück zurück. Er macht uns auf eine Kratzspur am Wegesrand aufmerksam, die von einem Tiger stammen soll. Das kommt uns ein wenig inszeniert vor.

An einer weiten hügeligen Wiesenfläche treffen wir auf zwei Mahout, Ranger, die mit ihren Elefanten die Binsen durchkämmen. Vor kurzem soll hier ein Tiger gesichtet worden sein. Sie streifen jetzt durch die Wiesen und versuchen, ihn aufzuscheuchen und den Jeep-Touristen vor die Kameras zu treiben. Doch vorerst bleibt der Erfolg aus, der Tiger hält sich versteckt.

Kanha - Nationalpark Tiger-spotting
Wo ist der Tiger?

Wenige Minuten vergehen, immer mehr Jeeps kommen in diesem Gebiet zusammen. Die Jeeps haben an einem Wechsel neue Positionen bezogen. Bafathi lauscht in bestimmte Richtung und macht uns aufgeregt auf die „alarm-calls“ der Languren aufmerksam – die Affen zeigen an, daß sich ein Tiger in der Nähe befindet. Bafathi und der Guide vom Nationalpark starren ins Bambus – Dickicht. Sie versuchen, den Weg des Tigers vorauszuahnen und der Jeep rollt wenige Meter weiter. Dichtes Gedränge – sämtliche weiter Fahrzeuge folgen auf dem engen Weg. Sie lassen sich wohl eher von Bafathis Ruf als legendärer Tiger – „Jäger“ und seinem Instinkt leiten als von der eigenen Beobachtung.

Wir hocken auf der Plattform. Atem holen, die Kameras im Anschlag, gespannte Aufmerksamkeit, kein Flüstern stört die Stille.

Und dann tritt von links der Tiger tatsächlich aus dem Gebüsch und überquert gelassen vor unserem Jeep den Weg, um auf der anderen Seite zwischen Bambus-Stangen zu verschwinden. Nur wenige Sekunden – für viele die Erfüllung des Tages, für manche sogar eines Lebenstraumes.

Kanha - Nationalpark - Tiger
Der Tiger trottet behäbig seines Weges

An neuer Position, an einem weiteren Kreuzungspunkt mit dem Tigerpfad bleibt der Erfolg dann trotz langem Wartens aus. Offenbar hat sich das Kätzchen nach dem Streß zuvor für ein Vormittags-Schläfchen hingelegt.

Auch später sehen wir auf der mehrstündigen Tour bis zum Mittag noch eine Reihe exotischer Tiere – zwanzig Minuten der Aufmerksamkeit gelten allein einem schlecht zu sehenden „paradies-flycatcher“, ein weißer Vogel mit langem „Fliegenfänger“ – Schwanz. Auch der Ranger hat sich inzwischen arrangiert und beteiligt sich eifriger bei der Beobachtung.

Mittags sitzen wir mit „unserer Jeepbesatzung“ in einem der kleinen Restaurants unter dem Schattendach und trinken Tschai, essen Thali und schwatzen über die Erlebnisse des Morgens.

Kanha - Nationalpark Restaurantküche
Restaurant-Küche

Diese Straßenrestaurants sind schon witzig. Eines neben dem anderen bestehen sie aus einer aus Lehm gebauten Küche, der Herd ist ein offenes Feuerloch, wird von außen mit langen Holzscheiten und Ästen befeuert und bildet gleichzeitig die Trennung zwischen Küchenraum und den Gästetischen an der Straße. Die Chef’s sind alte, faltige Männer, die aussehen, als ob sie jahrelang auf dem Feld gearbeitet haben, bevor der Nationalpark Touristen und damit eine neue Einkommensquelle hervorgebracht hat. Dazu gehören mehr oder weniger viele jüngere Mitarbeiter – wohl ein Großteil der männlichen Familienangehörigen, von denen dann wenigstens einer englisch kann und die „Kellnerrolle“ übernimmt.

Es dauert immer ewig, ehe die Speisen auf dem Tisch stehen. Nach der Bestellung und einiger Zeit ‚andächtiger Ruhe‘ werden erstmal Kartoffeln geschält, Blumenkohl gewaschen, Zwiebeln gewürfelt, bevor nacheinander alles auf der einzigen Feuerstelle gedünstet wird. Das stört und aber überhaupt nicht. Es ist sehr entspannend und gleichzeitig interessant, im Schatten zu sitzen, was zu trinken und den Erzählungen zu lauschen, die von den verschiedenen Travellern in die Runde eingebracht werden. Immerhin sind alle, die den weiten unbequemen Weg bis hier draußen auf sich genommen haben, starke Naturliebhaber und „erdverbundene“ Menschen. Gleichzeitig werden wichtige Informationen und Tips ausgetauscht…

Da wir wieder zu fünft losfahren können – alle wollen gern nochmal los – beschließen wir, die Nachmittagsöffnung des Nationalparks gemeinsam zu nutzen. Ab um 4 ist der Park noch einmal für 2 Stunden geöffnet. Doch diese zweite Safari ist anstrengender. Die Hitze ist noch immer drückend und wir sehen auch nicht soviele Tiere wie am Morgen. Hirsche, die in großen Herden unterwegs sind, kann ich auch zu Hause beobachten – wo sie mißtrauisch umheräugen und beim leisesten Anzeichen von Gefahr flüchten – hier stehen sie irgendwie arglos auf den Binsenflächen und rühren sich kaum vom Fleck.

Kanha - Nationalpark Deer
wenig scheue Tiere

Am nächsten Morgen habe ich erstmal meine Hose und mein T-Shirt gewaschen. So eine lange Bus-Tour hinterläßt Spuren. Die Fenster sind alle offen, nur vergittert, die Straßen staubig, da weht eine dicke Staubschicht herein. Üblicherweise wasche ich dann aller paar Tage mal eine Garnitur im Waschbecken und nutzt so lange die „Zweitausstattung“.

Nach dem Frühstück machten wir uns zu Fuß auf den Lateral-Pfad, der über 11km am Rande des Nationalparks entlang führt. Das war eine schöne Runde, ganz in Ruhe. Zum Teil querten wir trockene Bäche, einmal sogar ein ausgetrocknetes Flußbett. Termitenhügel stehen im lichten Laubwald. Mehrere Male sahen wir Sambar-Hirsche, viele Affen, das „aufregendste“ war eine kleine Schlange, die ziemlich weit oben auf einem eisernen Aussichtsturm hing.

Kanha - Nationalpark - Blühender Jungstrauch

In einer Siedlung habe ich mir ein Tuch gekauft, welches mir jetzt als Kopfschutz und – putz dient. Dann kehrten wie in einer kleinen Tee-Stube ein, wo ansonsten wirklich nur Einheimische verkehren. Davor standen ihre schweren eisernen Fahrräder.

Zum Abendessen werden wir diesmal in ein anderes Restaurant eingeladen – ein Junge, etwa 12 Jahre, spricht mich an. Restaurant kann man eigentlich nicht dazu sagen. Unter einem Runddach bereitet seine Mutter Thali. Für kalte Getränke flitzt der Knabe schnell mal über die Straße zu den Händlern gegenüber. Bezahlt bekommen sie diese erst, wenn wir die Rechnung beglichen haben.

Wir sitzen auf einer Bank am Rand, der Junge fragt nach unserer Bestellung auf englisch und ist sichtbar stolz, daß er das kann. Seine Mutter spricht nur Hindi und sitzt auf dem Fußboden, um Kartoffeln zu schälen und Zwiebeln zu würfeln. Die Feuerstelle ist direkt daneben, wir können zusehen, wie sie in der Glut Roti bäckt.

Ab und zu kommen andere Inder vorbei, so der „Kunsthändler“ aus dem Laden auf demselben Hof. Das scheint der Großvater des Jungen zu sein. Der Vater arbeitet irgendwo weit weg. Das ist nicht selten in Indien – es gibt viele Wanderarbeiter, die mit der Saison zwischen mehreren Orten pendeln und sich als Tagelöhner verdingen.

Wir fühlen uns richtig aufgenommen, mehr wie in Familie als in einem Restaurant. Es schmeckt bestens! Die Rechnung schreibt der Junge von Hand auf einen winzigen Fetzen Papier. Seine Mutter belohnt ihn dafür mit bewundernden Blicken. Fröhlich, satt und zufrieden verabschieden wir uns.

Ich besuche noch einmal unsere „Safari-Crew“, die auf der anderen Straßenseite im „Stammlokal“ sitzt. Einen Tiger haben sie heute nicht zu Gesicht bekommen, nur mehrere laut brüllen hören. Der Franzose und ein Deutscher aus Freiburg werben mich ganz intensiv, morgen nochmal mitzukommen – ohne Kostenteilung ist das Ganze doch ein recht teures Vergnügen. Aber mein Bedarf ist erstmal gesättigt und wir wollen am nächsten Vormittag weiterreisen.

Kanha - Nationalpark Bafathi Guide
Bafathi

Vor der Abfahrt treffen wir uns alle noch einmal. Auch Bafathi ist mit dabei und freut sich, uns noch einmal zu sehen. Der Franzose hatte am Morgen wohl riesiges Glück, sie haben mehrere Minuten lang einen Tiger in Ruhe beobachten und fotografieren können.

Dann klettern wir in den Bus. Indien hat noch viele Geheimnisse zu offenbaren.

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