Die totale Revolution dreht sich mit der Sonne

Varanasi ist für mich die Stadt, wo „Indien am indischsten“ ist. Tausende Pilger ziehen täglich zum Ganges. Die Luft ist erfüllt von Gerüchen aus Garküchen, von Blumenständen und dem Rauch der Verbrennungsghats. Boote drängeln sich auf dem Fluß und versuchen, Touristen zur Bootstour einzufangen. Sitar- und Tabla – Schüler üben in den kleinen Musikschulen, die wir eher für Garagen halten würden. Rikscha-Fahrer versuchen, mit Klingeln und lauten Rufen einen Weg durch die Menschenmassen zu bahnen. Schlangen-„Beschwörer“ lassen ihre Kobras aus dem Korb und spielen für ein paar Rupien zum Schlängeltanz auf. Echte und falsche Sadhus posieren für Fotos (und ebenfalls Rupees). …

In der Yogi-Lodge trafen wir beim Frühstück auf Nora. O.k., Nora, und noch zwei weitere deutsche Mädels, Inga und Sina. Wie wir erfuhren, machten die eine Rundreise – Indien in 4 Wochen. Das ist ziemlich sportlich. Wir kamen ins Gespräch und erfuhren, daß sie nach Sarnath fahren wollen – genau wie wir. Gute Gelegenheit, mal richtig „indisch“ unterwegs zu sein, sprich, sich zu fünft eine Rikscha zu teilen, die eigentlich nur hinten 2 Plätze auf einer Bank hat und vorn den (zugegeben, relativ breiten) Sitz für den Fahrer.

Sarnath ist rund 14 km außerhalb von Varanasi auf dem Land. Genau der Ort, wo Buddha nach seiner Erleuchtung im Gazellenhain seine erste Predigt gehalten und damit das „Dharmachakra“, das Rad der Lehre in Gang gesetzt hat. Und deshalb gibt es in Sarnath eine Reihe von Tempeln sämtlicher buddhistischer Religionsrichtungen.

So machten wir uns gemeinsam auf den Weg. Am Rikscha-Stand kam ich das erste Mal ins Staunen – Nora übernahm souverän die Verhandlungen, und zwar in Hindi! Das hätten wir nun nicht erwartet, schon gar nicht von einem gerade mal knapp 20-jährigen ganz klar erkennbar deutschen Mädel. Aber sie machte ihre Sache nicht schlecht, und kurz darauf waren wir unterwegs. Ich klemmte also links vom Fahrer mit einer A***-Backe auf dem Vordersitz, rechts vom Fahrer Nora, während Peter hinten auf der engen Bank von den beiden anderen Mädels in die Zange genommen wurde. Was dem sichtlich gut gefiel 🙂 Und dann ging es los, mit rund 30 Stundenkilometern in einer lärmenden Rikscha auf nach Sarnath!

Beim Spaziergang im Palmenhain erfuhr ich dann ein wenig mehr über die drei und vor allem lüftete sich das Geheimnis, warum Nora Hindi sprach. Nora und Inga waren in einem Freiwilligendienst – sie in Indien, Inga auf Sri Lanka, was ja quasi fast um die Ecke ist (also in etwa so wie Finnland und Italien…). Die dritte im Bunde, Sina, war die Schwester von Inga und extra für die Indientour angereist. Und die erste große Herausforderung für Nora war es, Hindi zu lernen, um in der Gemeinschaft wirklich mitreden zu können.

Nach und nach erfuhr ich auch etwas über den Dienst – in einer Art Ashram, der sich „Sampoorna Kranti“ nennt, was übersetzt in etwa „totale Revolution“ bedeutet. Dort leben ganz unterschiedliche Bewohner, vom Physiker über Handwerker bis zu jungen Frauen, die minderjährig verheiratet und jetzt aus der Zwangsehe ausgebrochen sind. Gemeinsame Projekte und geteilte Aufgaben. Jeden Tag Gartenarbeit, um mehr und mehr Selbstversorgung hinzukriegen…

Da ich mit Peter als einem Kollegen aus der Medienbranche unterwegs war und wir uns vorgenommen hatten, ein paar Filmaufnahmen zu machen und das als „Beitrag“ zu gestalten, wurde ich hellhörig. Vielleicht ist das ja unser Thema! Ein junges Mädel, was nach dem Abi für ein Jahr Freiwilligendienst in Indien macht.

Jedenfalls beschossen wir, in Kontakt zu bleiben und eventuell gegen Ende unserer Reise dort langzufahren.

Auf der weiteren Tour hatte ich noch ein paar mal eMail-Kontakt, um etwas genauer zu hören um was es dort geht.

Den Ashram gegründet hat Narajan Desai, der Sohn von Gandhis Privatsekretär. Dieser lebte mit über 80 Jahren noch immer dort und brachte sozusagen den Spirit aus den Gandhi Ashrams ein. Er war ja so groß geworden, in der Gemeinschaft mit Gandhis „Jüngern“.

Außerdem hatte sich einiges an experimentierfreudigen Menschen eingefunden. Man versuchte, erneuerbare Energien voranzubringen und mit bäuerlichen Arbeiten die Grundversorgung sicherzustellen. Jeder mußte dazu beitragen. Der Ashram ist Teil der indischen Friedensbewegung in der Tradition Gandhis.

Wie sich die Gemeinschaft entwickelt, wird im abendlichen Mela diskutiert und besprochen. Jeder übernimmt Verantwortung für die gemeinsamen Aufgaben. Ansonsten war die geistige Freiheit weit größer als in traditionellen indischen Gemeinschaften – Ehe galt nicht als unauflöslich, Religion ist die Sache jedes Einzelnen, es entwickelten sich Partnerschaften…

Als wir dann in der Nähe von Surat in das kleine Dorf kamen, war es kurz vor Holi. Das war in sofern etwas schade, weil viele Bewohner den Ashram für einige Tage verließen und zu Verwandten und Bekannten fuhren. Hier in Europa wird seit einigen Jahren Holi als eine Farb- und Musik-Fete kommerziell vermarktet. In Indien ist es vor allem ein hinduistischer Feiertag zur Begrüßung des Frühlings-Vollmonds. Klar, auch dort schlagen manche junge Männer über die Stränge. Auch Unbeteiligte müssen mal damit rechnen, von einer Farb-Bombe getroffen zu werden. Mir als „Weißnase“ begegneten die Inder sowas von rücksichtsvoll – ich bekam immer nur ganz wenig Farbe ab, einfach mal vorsichtig einen Fingerstrich über die Stirn oder ins Gesicht, ja nicht meine sowieso verschwitzten Travellerklamotten verfärben! Viele Straßen und Hausfassaden sehen am Abend blau und rot aus, von den Menschen ganz zu schweigen. Doch es ist eben nicht nur eine ausgelassene Party, sondern hat einen religiösen Hintergrund.

Bei Sampoorna Kranti waren deshalb leider nur noch einige der Bewohner anwesend, weshalb unser Eindruck vom Ashram- Leben vielleicht nicht ganz vollkommen war. Jedenfalls fuhr uns ein Rikschafahrer direkt dort hin, und wir bekamen das Gästehaus zugesprochen. Unser Plan war in etwas, 2 Tage zu bleiben, ein paar schöne Filmaufnahmen zu machen und dann zu verschwinden – letztlich waren wir fast eine Woche dort. Weil, es war einfach angenehm, eine freundliche, gastliche Atmosphäre, wir fühlten uns willkommen, jeder stellte uns vor, was er dort macht und wie das Leben so läuft. Und es wurde täglich interessanter, zu erfahren, wie der Ashram entstanden ist und mit welcher Motivation die Menschen dort zusammen leben. Davon erzählt unser Film auch. Wenn ich jedoch vorher mehr darüber gewußt hätte, dann wäre der Ashram selbst das Thema gewesen und nicht die deutsche Freiwillige, die dort ein Jahr mit eintaucht.

Am Spannendsten war für mich das Gespräch mit Narajan Desai, der mit seinem mobilen Spinnrad auf der Terasse saß, mit meditativen Bewegungen den Wollfaden zwirbelte und uns ganz nebenbei erzählte: Wie er bei Gandhi aufgewachsen ist, als Jugendlicher loszog und den ersten Ashram selbst gründete, um den Menschen auf dem Lande Bildung und handwerkliche Selbstversorgerfähigkeiten zu vermitteln. Wie er dann die indischen Peace Brigades mit aufbaute, um für mehr Frieden und Gerechtigkeit im Land zu sorgen, und später den Ashram schuf, in dem wir gerade saßen. Es waren nicht einfach nur Geschichten aus dem Leben eines alten Mannes, es ging spürbar eine Kraft von ihm aus, die Veränderungen bewirken konnte.

Richtig toll fand ich den großen Sonnenofen. Spiegelnde Metallplatten waren auf einem Rahmen in Form eines Hohlspiegels befestigt und von einem Uhrwerk gesteuert. Dadurch strahlte die Sonne den ganzen Tag auf einen Punkt – den Solarherd der Gemeinschaftsküche. Und dort brutzelte ohne weitere Energiequelle das Gemüse in der Pfanne! Echt beeindruckend – wenn so ein Ofen möglichst überall in Indien und im Sonnengürtel unserer Erde stehen würde, könnten viele Bäume stehen bleiben und CO2 speichern. Klar, das kostet erstmal etwas Stahl und Chrom, aber praktisch hält die Konstruktion ja viele Jahre. Danach war ich im Grunde überzeugt, daß solche Projekte wie desertec einen großen Teil unserer Energieprobleme auf der Erde lösen könnten. Und eine Chance für schwach entwickelte Regionen darstellt. Das geht ja völlig dezentral, einfach überall aufzubauen. Also, das wäre schon ein Stück die totale Revolution!

Bauen mit Bambus hatten wir ja schon überall in Indien gesehen. Bambus wird sogar als Gerüststange verwendet, an Hochhäusern bis wer weiß wie hoch! Aber richtig bewußt, was das für eine interessante Ressource ist, wurde mir das auch erst im Sampoorna Kranti-Ashram. Denn dort wurde mir erläutert, das Bambus innerhalb kürzester Zeit nachwächst. Und die Röhren sind stabil wie Stahl. Auch da liegen noch Reserven zur Entwicklung. Bambus als Baustoff und Stahl-Ersatzmaterial. Ein Sonnenofen mit Bambus – Gestell 🙂

Kurz nach Holi und nach einigen schönen Tagen in einer kreativen Gemeinschaft verließen wir den Ashram der Totalen Revolution und fuhren in den 16-Millionen-Moloch Mumbai.

Zu Hause dauerte es noch einige Wochen, all das Material zu sichten und dann aus den Aufnahmen von Sampoorna Kranti ein kleines Filmchen zu stricken. Aber irgendwann war auch das geschafft, wir zogen mit den Dia-Paketen und unserer Multime-DIA-show durch die Gegend und zeigten unseren Kurzfilm „Revolution mit der Hacke“ als „Bonus“. Da Narajan Desai inzwischen gestorben ist, haben wir den Film als kleines „Denkmal“ ins Netz gestellt.

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