Schlüssel-Szene am Omaha Beach

Schlüssel-Szene am Omaha Beach

Eine Cabrioten – Tour durch die Normandie

Von dieser Road – Tour wollte ich schon lange mal berichten. Die blogparade „Roadtrip – Pannen“ von Julia & Felix auf secludedtime.com ist der richtige Anlaß, die Story endlich aufzuschreiben.

Das diese Geschichte schon etwas zurückliegt, erkennt Ihr bereits an den Bildern (umkopierte Dias). Aber nicht allein die sepia-verklärte Vergangenheit macht daraus besondere Erlebnisse, die Tour war mir immer in Erinnerung. Besonders in diesem Sommer, wo ich große Teile der Strecke mit dem Fahrrad noch einmal gründlicher erkundet habe.


Der Sommer war vorüber und mein Job erledigt. Fast sieben Jahre streetwork zehren Nerven und für mich wurde es Zeit, mich mal wieder mehr um mich selbst zu kümmern. Konrad hatte ebenfalls die Nase voll vom 9to5+x und war der Meinung, daß er selbständig viel mehr Entscheidungsfreiheiten hat – z.B. erstmal mit mir auf Tour gehen.

on the road - Grenze zu Luxemburg
Grenze zu Luxemburg

So packten wir Anfang September ein paar Sachen in seinen kleinen Peugeot Cabrio und fuhren in Richtung Westen. Erste Zwischenstation war Luxemburg, von dort aus sollte es Stück für Stück durch Nord – Frankreich gehen und möglichst per Fähre später noch nach Irland.

Für mich war das der erste Trip mit einem Cabrio und das Wetter passend – also, Dach die meiste Zeit offen. Unser Musikgeschmack ist ziemlich verschieden. Konrad steht auf HipHop und sowas und das möglichst laut. Von dem winzigen Kofferraum nimmt die Hälfte schon eine „Baßrolle“ ein, die ab und zu auch einigermaßen zu hören sein sollte. Mir ist satter Rock und Blues oder auch roots, folk und Weltmusik lieber. Doch wir waren kompromißbereit und jeder konnte abwechselnd mal die Musikrichtung bestimmen. Später lief in Frankreich dann öfter mal einfach Radio. Bis heute klingt mir das staccato – „o – o..“ von Beyonce – „crazy in love“ in den Ohren und ist untrennbar mit dieser Tour verknüpft, weil der song gerade aktuell war.

Einige Stunden verbrachten wir in Luxemburg City, streunerten durch die Straßen, bestaunten den Grund im Tal der Alzette und verfolgten den Wachwechsel am Großherzoglichen Palais. Natürlich nutzten wir die Gelegenheit vor der Weiterfahrt zum Tanken. Und ich kontrollierte als langjährig erprobter Fahrer gleich mal den Reifenluftdruck. Konrad war völlig erstaunt, als ich auch das Ersatzrad prüfte – das wird ja von den meisten vergessen. Und seins hatte es auch nötig, mit nur noch reichlich 1 bar….

Dann fuhren wir über Landstraßen mit einer kurzen Schleife durch Belgien nach Frankreich. Etwas beklommen passierten wir die Gräberfelder bei Verdun. Schließlich war Reims die erste größere Stadt. Dort gefiel es mir recht gut, mit einem alten, gut erhaltenen Stadtzentrum, der Oper, dem Kanal mit seinen Hausbooten und die Kathedrale Notre Dame, von der wir einige Nachtaufnahmen machen konnten.

Cathedrale Reims
Reims, Kathedrale Notre Dame
Oper Reims
Reims, Oper

Über Beauvais und Rouen näherten wir uns der Normandie – Küste. Bei Oistrehamn beobachteten wir die Ankunft der Fähre aus Portsmouth und trafen auf den Strand. Den Abend verbrachten wir auf dem Boulevard der Stadt und später wieder am Strand, wo blauer, schnell dunkler werdender Himmel und die Lichter der Strandpromenade und des Fährhafens ein interessantes Wechselspiel über dem Sand projizierten. So richtig hatten wir gerade keine Lust, diese Szenerie zu verlassen und saßen lange mit Blick auf den Kanal, der immer dunkler vor uns lag. Eine friedliche Landschaft an einem Spätsommerabend, und nur Denkmäler und die Bezeichnung Omaha – Beach wiesen darauf hin, daß es sich um einen der blutig umkämpften Landungsabschnitte der Invasion am 6.Juni 1944 handelt.

Es wurde immer später. Wir beobachteten noch die Fähre, die voll beleuchtet wieder die Fahrt über den Kanal antrat. Dann entschlossen wir uns, trotz der steifen Brise gleich am Strand zu schlafen. Um den Wind etwas abzumildern, spannten wir mein großes Tarp über ein Stahlgestell, welches dort rumstand. Die Stoffbahn im Sand zum Halten zu bekommen, war gar nicht so einfach – der Wind drückte mit Kraft auf die Leinwand und blähte diese wie ein Segel. Nur durch einige Kilogramm Sand, die wir in einen Pfalz an der unteren Kante schoben, hielt der Zeltstoff überhaupt.

Tarp am Strand bei Oistrehamn
Mit dem Tarp am Strand

Am nächsten Morgen packten wir Schlafsäcke und Tarp ins Auto zurück. Ich zog mich bis auf die Badehose aus und tollte in der Sonne auf dem Strand rum. Es war Ebbe, der Strand war riesig. Konrad kam wegen dem Wind eine andere Idee. Er hatte vor der Fahrt einen Lenkdrachen gekauft, und den wollten wir jetzt ausprobieren. Nach einigen Minuten der Übung hatten wir den Dreh raus und es ging herrlich! Konrad hat seine Jacke ausgezogen und mit der Drachenhülle und dem Schlüsselbund auf einen Sandbuckel gelegt. Wir wechselten uns ab und versuchten uns an allen möglichen Flugmanövern – Saltos, Sturzflüge, auch mal der Versuch, den anderen über den Strand zu jagen usw…

Omaha Beach, Oistrehamn, Normandie
Am Strand bei Oistrehamn

So nach und nach kam die Flut. Unser Riesen – Spielplatz auf dem Strand wurde immer kleiner. Ich war dran und flog einige Kunststücke mit dem Drachen. Konrads Jacke lag nun schon fast auf einer Sandinsel, so griff er nach dem Bündel und trug es einige Meter näher an den Strandweg. Dabei beobachtete er aber vor allem meine Fliegerei.

Eine Weile später hatten wir genug und wollten weiterfahren. Doch da offenbarte sich ein Problem – die Schlüssel waren weg. Das Schlüsselbund lag mit bei Jacke und Drachenhülle, aber Konrad hatte beim Umlagern nicht so genau darauf geachtet und die Schlüssel waren wohl liegengeblieben. Dort, wo eine Stunde zuvor dieser Sandbuckel war, stand nun schon mindestens zwei Meter hoch das Wasser – und der Tidenstrom verursacht enorme Bewegungen auf dem Grund.

Omaha Beach, Oistrehamn an der Normandieküste
Wo ist der Schlüssel?

Was nun? Das Cabrio – Verdeck war noch von der Nacht geschlossen. Da wußte Konrad aber Bescheid. Er hatte das Auto gebraucht mit kaputtem Dach gekauft und über einen Internet – Händler ein neues Verdeck besorgt. Das hat er selbst aufgebaut und kannte daher die Kniffe – Neben der Heckscheiben – Folie war ein kleiner Schlitz nur mit Klettverschluß. Darüber gelangt man mit langem Arm an die Kurbel der hinteren Seitenfenster. Naja, und von den offenen Seitenfenstern kann man mühelos die Türverriegelung erreichen. Schwubdiewup – Auto offen…

Doch ohne Schlüssel fährt kein Auto..

O.k. allerdings war Konrad so schlau, daß er mir vor der Abfahrt den Zweitschlüssel gegeben hat – für alle Fälle! Und der steckte in meiner Hosentasche, die Hose lag auf dem Beifahrersitz. Unsere Fahrt kann also gleich weitergehen. Für mich war das „Schlüsselerlebnis“ damit zu einer Episode geworden, über die wir später immer wieder amüsiert erzählen können. Für ihn war’s nicht ganz so einfach, da neben Autoschlüssel und richtig teurem Schweizer Taschenmesser noch Haus- und Firmenschlüssel am Bund hingen. Und das brachte zumindest noch einige unangenehme Diskussionen.

Die Tour führte uns letztendlich nach Cherbourg, von wo aus eine Fähre nach Irland fährt. Von Cherbourg aus unternahmen wir noch ein paar Abstecher zum Leuchtturm Pont de Barfleur und zum Kap de la Hague (düsterer Beigeschmack – an der festungsartigen atomaren Wiederaufbereitungsanlage La Hague vorbei).

Leuchtturm Pointe de Barfleur, Normandie
Cabrioten unterwegs – Am Leuchtturm Barfleur
Laterne im Leuchtturm Barfleur, Normandie
Die Laterne im Leuchtturm
Strand am Cap de la Hague, Normandie
Strand am Cape de la Hague

Am letzten Abend in Frankreich besuchten wir eine Kneipe, die schon gut belebt war. Aber wir bekamen zwei Plätze am Tresen. Es war relativ spät, und irgendwie schmiß der eine Kellner plötzlich ein Glas zu Boden. Das ging so schnell, daß wir uns erstmal gegenseitig versichern mußten – „Hast Du das jetzt auch gesehen?“ „War das Absicht?“.. Außer, daß in der Kneipe tolle Stimmung war, verstanden wir ja nichts, was so erzählt wurde.

Bald darauf flog das nächste Glas herunter – das konnte kein Zufall mehr sein. Darauf der andere Barman, wieder ein Glas. Und die Stimmung kochte immer höher! Es wurden immer mehr Gläser, die Folge der Glaswürfe wurde immer dichter. Bald standen die Barkeeper und Kellner auf einem dichten Scherbenteppich. Gesänge wurden laut, die Gäste rückten dichter und dichter vor dem Tresen zusammen, und wir mittendrin. Die Kellner umarmten sich und heizten die Stimmung weiter an. Noch mehr Gläser flogen zu Boden. Endlich bekamen wir mal einen der Barmänner etwas näher heran, und der klärte uns auf: Einer der Kellner ist den letzten Abend da und verläßt Cherbourg, und so feiern sie hier ihren Abschied.

Wir waren zwar zufällig vor Ort und auch ein wenig fremd, zumal wir niemanden kannten und die Sprache nicht verstanden. Aber trotzdem waren wir irgendwie voll mit dabei und gern eingeladen, mitzufeiern. Als die Kneipe geschlossen wurde, standen die Kellner in einer Reihe am Ausgang und alle Gäste liefen an ihnen vorbei, alle schüttelten die Hände – uns eingeschlossen. So wohl habe ich mich lange nicht an einem Kneipenabend gefühlt und es ist einer der wenigen, die ich nie vergessen werde.

Am nächsten Tag gingen wir an Bord der „Normandy“, der Fähre nach Irland.

Fähre in Cherbourg, Normandie
Fähre in Cherbourg

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