Heimreise im Zwiespalt

Heimreise im Zwiespalt

Die Corona – Rückholaktion für gestrandete Reisende

Mit einer nie dagewesenen Rückholaktion versucht das Auswärtige Amt Ende März/ Anfang April 2020, deutsche und europäische Bürger aus der ganzen Welt zurückzuholen, die wegen der Reisesperren zur Corona- Quarantäne irgendwo im Ausland „hängengeblieben“ sind. Geschätzt wird, daß über 250000 Deutsche betroffen sind.

Geplante Rückholflüge von Lufthansa

Geplante Rückholflüge mit Condor

Geschlossene Grenzen, gecancelte Flüge

Um die Ausbreitung des Corona – Virus zu verlangsamen oder zu stoppen, haben inzwischen fast alle Länder ihre Grenzen weitgehend für den Personenverkehr geschlossen. Der kommerzielle Flugverkehr ist weltweit zum großen Teil eingestellt, die wenigen Flüge kosten utopische Tausender. Reisende sitzen in Ländern und Regionen fest und können die geplanten Ziele bzw. Rückflughäfen nicht mehr erreichen. Oft sind die Rückflüge gecancelt, Transitzonen der Flughäfen ebenfalls geschlossen oder die Traveller sitzen einfach in einem Nachbarland fest und kommen nicht mehr zu ihrem vorgesehenen Abflughafen.

leerer Flughafen
Verwaister Flughafen in Corona- Zeiten

Die Bundesregierung hat, wie weitere der großen europäischen Staaten (Frankreich und Großbritannien), in Zusammenarbeit mit den nationalen Fluggesellschaften Rückholflüge gestartet, die den Betroffenen eine direkte Heimkehr nach Deutschland ermöglichen. Sinnvollerweise werden dabei auch Menschen der europäischen Nachbarstaaten mit nach Europa gebracht, wo ihnen die Heimreise noch möglich ist.

Rückreise – in einen Corona – Hotspot?

Allerdings ist die Rückreise für viele mit einem zwiespältigen Gefühl verbunden. Denn aktuell ist gerade Europa mit Italien, Spanien, Großbritannien und auch Deutschland der Hotspot der Corona-Ausbreitung. In einigen der bereisten Ländern ist die Lage weit weniger dramatisch, auch wenn sich das in den nächsten Wochen vielleicht ändern kann. Das hat einerseits damit zu tun, daß einige Staaten deutlich schneller mit Gegenmaßnahmen begonnen haben, andererseits hat möglicherweise auch das heiße Klima in vielen Reiseregionen die Ausbreitung des Virus verlangsamt. So meldet am 4. April 2020 Thailand als beliebtes Reiseziel 2067 Infizierte, Vietnam 240, das kleine Nachbarland Laos sogar nur 10. Deutschland zum Vergleich: 92.150

Corona Südostasien
Coronaverbreitung in Südostasien 4.4.2020 Quelle; John-Hopkins-University
Corona-Faelle in Deutschland
Corona-Ausbreitung in Deutschland 4.4.2020 Quelle: John-Hopkins_Universität

Sollte jedoch die Corona- Welle an Fahrt aufnehmen, könnten die Gesundheitssysteme sehr schnell an ihre Grenzen kommen. In Laos ist das ökonomisch bedingt sowieso immer der Fall.

Dazu kommen die Bedenken, daß die Reisenden oftmals in ein Deutschland zurückkehren, wo die Wirtschaft gerade im Sinkflug verläuft, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit zunehmen und Selbständige kaum noch Aufträge bekommen. Die Einkommenssituation ist eher schlecht, viele leben vom Ersparten. Da erscheint es in den kostengünstigen Reiseländern oftmals deutlich einfacher, eine längere Zeit mit geringstmöglichen Ausgaben zu überdauern. In Südost-Asien kann man mit 12- 15€ pro Tag ganz gut klarkommen. Viele der potentiellen Rückkehrer haben aufgrund dieser Überlegungen sehr mit sich gerungen. Einige, darunter vor allem die Italiener und Spanier, sind gleich in ruhigere und billigere ländliche „Touristeninseln“ gereist und verzichten lieber auf das Rückhol- Angebot.

Die Rückholungen im Detail

Botschaften im Kontakt

Um einen Überblick über die Zahl und Verteilung der Betroffenen zu erhalten, fordert das Auswärtige Amt die Auslandsreisenden zur Eintragung in die Krisenvorsorgeliste „Elefand“ auf. Nach der Registrierung erhalten die Erfaßten per eMail Post von den deutschen Botschaften im Gastland, in denen über die aktuelle Lage, so gut sie bekannt ist, informiert wird. Das ist i.d.R. mit dem dringenden Appell zur Rückreise verbunden. Wer die Hilfe zur Heimkehr annehmen möchte, muß sich zusätzlich online für das Covid19 – Rückholprogramm anmelden. Gelten in den betroffenen Ländern Ausgangssperren oder Reiseverbote, erstellt die Botschaft in Absprache mit den lokalen Regierungen außerdem ein Schreiben, mit dem die Behörden gebeten werden, die ungehinderte Anreise zum Flughafen zu ermöglichen – die freundliche Art eines Passierscheins.

Wird ein Flug konkret geplant, informiert die jeweilige Botschaft wieder per eMail über die Modalitäten. Hier schlägt die Bundesregierung gleich zwei Fliegen mit einer Klappe, denn neben der Lufthansa ist vor allem der Ferienflieger Condor Partner für die Rückhol- Flüge. Nach der Thomas Cook- Pleite im letzten Jahr war die Tochter Condor mit in Schwierigkeiten geraten. Die Corona- Reisesperre trifft die Gesellschaft logischerweise besonders hart. So kann die Regierung Condor etwas über schwierige Zeiten retten.

Buchung der Rückholflüge

Nach der Information durch die Botschaft erfolgt die Einbuchung für den Flug i.d.R. über die website der jeweiligen Fluggesellschaft – fast wie bei einer normalen Flugbuchung. Es wird eine Anzahlung verlangt und die Bestätigung, daß weitere Kosten nach §6 Konsulargesetz übernommen werden müssen.

Condor-Rückholflug
Condor wurde für Rückholflüge gechartert

Bei der Abreise wird vor dem „Check in“ die Unterschrift unter ein entsprechendes Formblatt zusammen mit einer Paß-Kopie eingesammelt. Das ist für manchen Rückreisenden ein weiterer Grund zur Überlegung. Es werden nämlich keine Angaben zu den voraussichtlichen Kosten gemacht. Stattdessen ist klar, daß neben dem Betroffenen selbst sogar Angehörige und Erben zur Zahlung herangezogen werden können. Die Aussage „Kosten in etwa in Höhe eines economy – Flugtickets auf der gleichen Strecke“ ist mehr als schwammig.

Gelten die Preise von vor der Krise? Dann liegen die Kosten z.B. für Bangkok – Frankfurt/M. bei 250 – 400 €. Oder gelten aber die aktuellen Flugpreise? Diese liegen schon locker bei dem 10-fachen. Irgendwer wird mit den Fluggesellschaften einen Kostenrahmen vereinbart haben und in etwa ist doch auch klar, wie viele Personen beim Rückflug dabei sind. Logischerweise läßt sich damit der Preis pro Person ganz gut eingrenzen. Warum werden dann die Bürger in der Zwangslage nicht genauer informiert, sondern müssen ihre Unterschrift (für sich selbst und ihre Angehörigen) unter eine „Katze im Sack“ setzen?

Herausforderung für Flughäfen der Gastländer

Für manche der kleineren Flughäfen in entlegenen Ländern ist es ungewöhnlich, daß so ein „großer Vogel“ dort landet. Das kann schon mal zu langwierigen Verzögerungen bei der Abfertigung führen – wie handgeschriebene Bordkarten oder Verwirrungen beim boarding.

Mit der Corona- Begründung ist auch der Service an Bord eher spartanisch. Es gibt kein warmes Essen, nicht einmal Kaffee oder Tee. Die Sicherheit für das Kabinenpersonal hat oberste Priorität. Zum trinken liegen Wasserflaschen am Platz bereit, das war’s. Auch bei 12 Stunden Flug besteht die Verpflegung nur aus durchgeweichtem Baguette mit Tomaten, Salatblatt und Schweinebauch in einer Papp-Box sowie zum Mittag eine kleine Schachtel Tortilla-Chips mit Heinz-Chili-Ketchup. Es zeigt sich, daß vegetarische Ernährung oder gar religiös bedingte Speisenregeln ein Luxus sind, den man sich in Krisenzeiten nicht mehr gönnen kann. Leider fehlt dazu der Vorab – Hinweis in den Mitteilungen der Botschaft und auf den websites der Fluggesellschaften, ohne den sich niemand auf „Selbstversorgung“ einrichtet.

Tortilla-Chips als Mittagessen
Tortilla-Chips als Mittagessen auf einem Rückhol-Flug

Noch dazu läuft das „Bord – Entertainment“ nicht. Offenbar wird befürchtet, daß auch noch der Entertainment-Server mit Viren verseucht wird.

Besondere Regeln gelten zusätzlich nach der Landung. Das Flugzeug muß nach Ankunft in der Parkposition noch 15 min. „fremdbelüftet“ werden, bevor sich die Türen öffnen. Dann dürfen aller 3 Minuten Kleingruppen, jeweils bis zu 40 Reisende, das Flugzeug verlassen. Es sollen größere Menschenansammlungen im Flughafen, v.a. an der Gepäckausgabe vermieden werden.

Von einem Gesundheits-Check ist allerdings am Frankfurter Flughafen nichts zu sehen. In Asien stehen an jeder größeren Busstation, an jedem Bahnhof, den Grenzübergängen und Flughäfen überall Schleusen, wo zumindest nach Körpertemperatur der Infektions-Verdacht bei den Reisenden überprüft wird.

.. der lange Weg nach Hause

Für die Europäer, die noch einen weiten Weg nach Hause haben, bleibt es auch in Frankfurt noch spannend. Nach Griechenland z.B. führt der Weg fast unausweichlich über Brüssel, um dann in Athen sofort in ein Quarantäne – Hotel gesteckt zu werden. Ohne Ausgang, bis der Test negativ bestätigt ist.

Innerhalb Deutschlands dagegen bietet die Deutsche Bahn lobenswerterweise die kostenlose Rückfahrt mit dem „boarding-paß als Fahrkarte in ihren fast leeren Zügen bis zum Heimatort an.

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